|
Jugendstil
Kunst- und Baugeschichte
Als Reaktion auf den akademisch erstarrten Historismus entstand um 1900 der Jugendstil als eine Abwendung vom baugeschichtlich überlieferten Formenkanon und einer neuerlichen Hinwendung zur Natur, insbesondere zu den Verschlingungen der Pflanzenwelt. Eines seiner Leitmotive ist daher die Lilie. Wie schon das Rokoko ist auch der Jugendstil wesentlich dem Dekorativen und dabei der Innenausstattung vorbehalten. Kurzum ein ganz neuer Stil, für den sich immer mehr auch die Bezeichnung „Stilbewegung“ durchsetzt.
In der Außenarchitektur macht Jugendstil sich etwa in der Nachahmung üppig wuchernden Pflanzenwerks an den Fassaden bemerkbar. Gebäude, die Jugendstil in sich bergen, etwa Kirchen, erinnern vielfach noch an einen formal reduzierten Historismus oder auch an eine Art Proto- oder Vor- Expressionismus. So auch die bedeutenden Jugendstilkirchen im Südwesten (Gaggstadt b. Crailsheim, Tuttlingen und Stuttgart (Markuskirche, Gaisburger Kirche).
Jugendstil gilt als letzte gesamteuropäische Stilepoche. Auch wenn sich antihistoristische Tendenzen bereits um 1880 in Schottland zu rühren beginnen, gibt die Kunstwissenschaft dieser Stilart im Allgemeinen nur das Jahrzehnt zwischen 1895 und 1905. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg endet diese Kunstperiode, die als „Missing Link“, als Verbindung zwischen Historismus und Expressionismus gilt. Ein ganz rares, „spätes“ Gebäude in Baden-Württemberg, das all diese Stilarten in sich vereinigt – Historismus, Jugendstil, Expressionismus – ist das gerade restaurierte Krematorium in Tuttlingen von 1927. Als eigentliche Jugendstil-Hauptstadt Europas allerdings gilt Budapest.
Karlheinz Fuchs
Referenzen

© 2004-2007 Wais & Partner, Impressum
|