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Christusbild, Christusbilder
Leben und Glauben

Am Christusbild misst sich nicht nur das Verhältnis des Christentums zum Bildwerk, zur Kunst, sondern auch, wie ernst es wirklich mit einem zentralen Glaubensaspekt gemeint ist: die Menschwerdung Gottes.
Eine grundsätzlich bildkritische Haltung des Christentums wurzelt im Götterbilderverbot des Alten Testaments, das in den Zehn Geboten an herausragender Stelle tradiert wurde (Ex 20, 4). Während es im Herzen Israels immer präsent geblieben ist, erscheint es in der heutigen Kurzfassung des Dekalogs regelrecht „verschluckt“. Der Glaube an den „ganz Anderen“, der sich nicht machen noch fassen lässt, blieb aber auch im Christentum grundlegend. Bis heute bewahrt es diese Haltung mit allen abrahamitischen Religionen.
Die Person des Christus selbst ist es, die hier einen Unterschied macht und den Charakter christlicher Kunst in einem merkwürdig unentschiedenen, ständig zwischen Bildersturm und Bilderkult schwankenden Schwebezustand hält: Einerseits bedeutete die Menschwerdung Gottes, der unsichtbare, unbenannt bleibende Jahwe ist eingetaucht in die sichtbare Welt und ein Teil von ihr geworden – wahrer Mensch, angreifbar, abbildbar. Andererseits bedeutet die Gottessohnschaft Jesu: Im sichtbaren Menschen taucht unser Blick in das Unsichtbare ein, den wahren Gott. „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9).
Dieses Wort wurde zu einem Schlüsselargument in den christologischen Auseinandersetzungen des 3. und 4. Jh., die den Weg für eine ganz bedeutende Rolle des Bildes im Christentum eröffneten: Fast gleichzeitig mit diesem Gespräch entstanden die ältesten erhaltenen Christusbilder, und zumeist an den Orten, an denen größtmögliche menschliche Nähe gefordert war: an den Gräbern. Hier ging die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits quer durch die versammelte Familie, denn in der Hoffnung auf die Auferweckung feierte man dort im Gebet für die Toten gemeinsam Mahl.
Doch wie das diesseitige Leben Jesu Abbilder erst ermöglichte, so befreite seine jenseitige Natur zu einer auffälligen Vielgestaltigkeit der Darstellung:
Christus als Philosoph oder als Guter Hirte, mal als junger Held, mal als weiser alter Mann, mal mit ausgesprochen weiblichen Zügen. Im irischen Book of Kells (8. Jh.) ist er ein krauser Feuerkopf.

Diese Vielgestaltigkeit des Christusbildes ist für die frühchristliche Kunst charakteristisch. Er macht deutlich, dass die frühen Christen bereits kein archaisches, magisches Verhältnis mehr zu den Bildern hatten, sondern sie auf der Ebene der „Gleichnisse“ verstanden, deren Nutzen Jesus selbst einmal erklärt hatte.
Vor allem die Christusbilder aus der Katakombenzeit machen aber noch etwas anderes deutlich: Die Bilderfreundlichkeit des Christentums hat ihre Wurzeln auch in einem Symbolverständnis, das sich aus der Auseinandersetzung jüdisch-christlicher Frömmigkeit mit der Situation der Verfolgung herausgebildet hatte. Das Kreuz als Symbol hatte seinen Anfang schon in der Nacht vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten genommen, als alle mit dem „Signum“ bestrichenen Häuser verschont blieben. Das hebräische Schriftzeichen für dieses rettende „Kennzeichen“ hatte die Form eines Kreuzes und schloss als letztes die Reihe der Zeichen ab. Wenn es im Alten Testament um Rettung ging, wurde diese durch einen gestalterischen Akt vermittelt: das Einstreichen, Aufmalen, Einritzen zweier gekreuzter Striche. Die Kenntnis des Hebräischen war nicht mehr nötig, als dasselbe Zeichen X nach griechischer Lesart mit dem Anfangsbuchstaben für Christus gelesen wurde und man im 2. Jh. entschied, das „Siegel des Menschensohnes“ der Johannesoffenbarung könne nur das Kreuz von Golgatha sein.
Kein Wunder, dass das Kreuz und die dieses Zeichen offen oder verrätselt enthaltenden Christus-Symbole, Christogramm, Anker und Fisch, zusammen mit Taufszenen die frühesten erhaltenen christlichen Kunstwerke sind: Die ersten „Minimalansichten“ Christi, die den Retter vergegenwärtigen. Sie sind Repräsentationszeichen, die, wie die geschichtliche Erfahrung lehrte, etwas bewirken konnten. Eines der ersten monumentalen Beipiele für diesen Umgang mit dem Christusbild im Kirchenraum ist das Apsismosaik von S. Apollinare in Classe, Ravenna.

Lesen Sie den Gedankengang weiter hier.


Emanuel Gebauer


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