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Achtsamkeit
Leben und Glauben
Achtsamkeit ist die Fähigkeit, mit vollem, ungeteiltem Bewusstsein bei einem Eindruck oder einer Begegnung gegenwärtig, statt, kaum da, schon wieder mit dem Kopf woanders zu sein. „Das Gegenteil von Achtsamkeit ist die Zerstreuung, das Verwirrtsein von zu vielen Impressionen auf einmal und die Geistes-Abwesenheit“, sagt Bernardin Schellenberger.
Gehirnforscher schätzen auf Grund von Berechnungen der Neuronen-Aktiivitäten des menschlichen Gehirns, dass dem unachtsamen Menschen im Schnitt pro Sekunde ein Gedanke, meistens ein unterbewusster, durch den Kopf gehen. Das sind pro wacher Stunde 3600 Gedanken oder 60 000 Gedanken am Tag.
Die wichtigste Leistung des Gehirns besteht darin, aus dieser ungeheuren Flut die wenigen Gedanken herauszufiltern, die wir im jeweiligen Augenblick für die Bewältigung unserer Aufgabe oder Absicht brauchen. Eine Hauptaktivität des gesunden Geistes ist also das Abblenden von unwichtigen Informationen und Sinneseindrücken.
Das wird heute immer mehr Menschen zum Problem. Hinzu komme die Dynamik einer das Leben immer mehr prägenden Ökonomie, deren raffinierte, allgegenwärtige Werbestrategie ganz darauf angelegt sei, die Konzentration zu verwirren und zu besinnungslosem Kauf und Konsum zu verführen, so meint Schellenberger.
Kinder und Künstler haben bisweilen noch die Fähigkeit zur Achtsamkeit. John Steinbeck schreibt, die Achtsamkeit sei “die Mutter aller schöpferischen Kraft.“
Achtsamkeit ist aber nicht das Privileg von Kindern, Künstlern oder Leuten, die viel Zeit haben, sondern man kann sie einüben. Verschiedene Regeln des mönchischen Lebens (z. B. die Regel des hl. Benedikt) oder bestimmte Formen des Gebets und der Meditation haben sich als hilfreich erwiesen. Als praktische Einübung empfiehlt Bernardin Schellenberger, achtsam Zeiten im Alltag einzurichten, in denen man versuchen solle, „nur eines zu tun“ und sich darin z. B. der Techniken der Zen-Meditation zu bedienen.
„Wenn Du es fertig bringst, ganz in einer elementaren sinnlichen Wahrnehmung zu verweilen, entkrampft sich dein Geist, der sich festgefahren und abgekapselt hatte. Verblüffend oft kommen dann unerwartet kreative, inspirierende Einfälle zu Problemen, an die du gerade gar nicht gedacht hattest. Hier gilt: `Wer nicht sucht, der findet.´ Es ist einfach – und darum heute so schwierig.“
Aus: G. Hartlieb, Ch. Quarch, B. Schellenberger (Hg.): Spirituell leben, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2002
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